Volksliedbearbeitungen Nr. 365–429. Schottische Lieder für William Whyte

 

Joseph Haydn Werke, Reihe XXXII, Band 5
Hrsg. v. Andreas Friesenhagen und Egbert Hiller
München: Henle, 2005
XV, 197 Seiten, davon 174 Notenseiten, dazu Vorwort und Kritischer Bericht

 

Der Band enthält die 65 Bearbeitungen schottischer Volkslieder für Singstimme(n), Klavier, Violine und Violoncello, die Haydn wohl zwischen Ende 1802 und 1804 im Auftrag des Buch- und Musikalienhändlers William Whyte aus Edinburgh anfertigte. Whyte veröffentlichte sie 1804 und 1807 in den beiden Bänden seiner Sammlung „A Collection of Scottish Airs [...] By Joseph Haydn Mus. Doct.“. Der Großteil der Lieder ist nur durch die Ausgaben Whytes überliefert. Von acht Liedern hat sich Haydns Autograph erhalten, ein weiteres Lied liegt autograph in einer unvollständigen frühen Niederschrift vor, die im Anhang des Bandes in Übertragung wiedergegeben ist. Die im Falle von Haydns Bearbeitungen für George Thomson so wichtige Überlieferungsschicht der Kopistenabschriften ist nicht erhalten, es ist aber davon auszugehen, dass Haydn die Lieder in dieser Form nach Edinburgh schickte.

Fünfzehn der im zweiten Band von Whytes Sammlung veröffentlichten Lieder wurden wahrscheinlich von Haydns Schüler Sigismund Neukomm bearbeitet, der schon zahlreiche für Thomson bestimmte Bearbeitungen von Haydn übernommen hatte. Dies konnte durch stilkritische Untersuchungen, aber mehr noch durch die vergleichende Auswertung von Joseph Elßlers „Haydn-Verzeichnis“ (HV) und Neukomms „Verzeichniß meiner Arbeiten“ ermittelt werden. Aus dem „Verzeichniß“ geht ferner hervor, dass Neukomm weitere fünfzehn Lieder für seinen Lehrer bearbeitete, die wohl ebenfalls für Band 2 bestimmt waren; von ihnen fehlt jedoch jede Spur. Dass Haydn die Bearbeitungen Neukomms in das HV eintragen ließ, dürfte dadurch zu erklären sein, dass er sie einer Revision unterzog, bevor er sie Whyte zuschickte.

Einen großen Teil der Melodien, die den Bearbeitungen für Whyte zugrundeliegen, hatte Haydn auch schon für die Liedersammlungen William Napiers und Thomsons arrangiert. Für Whyte erfand er aber jedesmal wieder neue Begleitsätze. Eines der für Whyte bestimmten Arrangements verkaufte er allerdings später, nur um eine zweite Singstimme erweitert, auch an Thomson. 25 Melodien, darunter so populäre wie „Auld lang syne“ und „The yellow hair’d laddie“, liegen ausschließlich in Haydns Bearbeitung für Whyte vor. Im Gegensatz zu den für Thomson geschriebenen Liedern sind diejenigen für Whyte kaum bekannt. Die meisten von ihnen werden jetzt erstmals seit ihrer Erstveröffentlichung wieder publiziert, nur zwei Lieder waren 1984 schon einmal in einem Sammelband neben Bearbeitungen für Napier und Thomson erschienen.