L’isola disabitata. Azione teatrale 1779/1802

 

Joseph Haydn Werke, Reihe XXV, Band 9
Hrsg. v. Christine Siegert und Günter Thomas in Verbindung mit Ulrich Wilker
München: Henle, 2009
XX, 349 Seiten, davon 310 Notenseiten, dazu Vorwort und Kritischer Bericht

 

Haydn schrieb die Azione teatrale L’isola disabitata für den Esterházyschen Hof. Im fürstlichen Opernhaus auf Schloss Eszterháza wurde sie am 6. Dezember 1779 uraufgeführt. Das Aufführungsmaterial ist verschollen, ebenso wie der größte Teil von Haydns Autograph (lediglich der Anfang der Ouvertüre ist in seiner Handschrift überliefert). Es ist jedoch eine Reihe von Partiturabschriften erhalten, die Haydn teils selbst in Umlauf brachte. Drei davon sind für die Überlieferung eines authentischen Notentextes relevant, da Haydn sie durchgesehen und korrigiert hat. Eine davon wird in Turin (Biblioteca Nazionale Universitaria), eine weitere in Washington (The Library of Congress) aufbewahrt. Die dritte befand sich in Weimar und wurde beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 zerstört. Glücklicherweise hatte das Joseph Haydn-Institut davon bereits vor Jahren einen Film anfertigen lassen. Er konnte für die Edition genutzt werden; ein Duplikat davon wurde inzwischen zur Rekonstruktion verlorener Bestände an die Bibliothek zurückgegeben.

Die in Weimar überlieferte Abschrift ist vor allem deswegen besonders wichtig, weil es sich dabei um Haydns Handexemplar für eine Bearbeitung handelt, die er 1802 für eine geplante (allerdings nicht zustande gekommene) Veröffentlichung durch den Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel vornahm. Dafür schrieb er auch eine neue, wesentlich kürzere Fassung des Schlussquartetts „Sono contenta appieno“; sie ist vollständig im Autograph erhalten (heute in Privatbesitz).

Die Edition gibt den Notentext der Fassung 1802 im Haupttext, die älteren Varianten als Ossia wieder. Größere Umarbeitungen sind in parallelen Akkoladen, die beiden Fassungen des Quartetts nacheinander abgedruckt. Dabei wird aber jede über die zeitliche Abfolge hinausgehende Hierarchisierung der Varianten (auch zwischen den beiden Abschriften, die ausschließlich die ältere Fassung überliefern) vermieden. Bei einer Oper ist grundsätzlich nicht von einer definitiven Werkgestalt auszugehen, sondern vielmehr von einer fortwährenden Anpassung an Aufführungsbedingungen und Spielbetrieb.

Mit L’isola disabitata liegen nun alle Opern Haydns in der Gesamtausgabe vor. Noch vor dem Erscheinen des Gesamtausgabenbandes im G. Henle Verlag München wurden beim Bärenreiter Verlag Kassel auf dieser Basis ein Klavierauszug (Martin Focke, mit Vorwort von Christine Siegert) und Aufführungsmaterial (Alkor Edition) erstellt – eigens im Hinblick auf eine Aufführung der Oper durch Nikolaus Harnoncourt in Wien im Juni 2009. Das Material wurde aber erfreulicherweise inzwischen für einige weitere Aufführungen genutzt; kaum ein anderer Band der Haydn-Gesamtausgabe wurde von der Musikpraxis so rasch und unvermittelt aufgenommen.


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